Es fing eigentlich ganz harmlos an: Mein Vater wollte in den Ruhestand gehen und einen Nachfolger finden, der seine Praxis weiterführen und die kleinen Patienten versorgen würde. Im Bekanntenkreis hatte die Übergabe einer Praxis ganz ordentlich funktioniert: Ein Teilhaber wurde in die Praxis geholt, der diese wohl eines Tages übernehmen würde. Eine ähnliche Variante schwebte meinem Vater ebenfalls vor.

Der erste Schritt: Im Herbst 2014 wurden rund 300 Briefe an alle Kinderkliniken in Deutschland geschickt, die ein mehrjähriges Ausbildungsprogramm für kinderärztliche Fachärzte haben. Die Bitte: Hört euch in euren Einrichtungen um, vielleicht gibt es jemanden, der gerne in einer Praxis arbeiten möchte. Die Antworten der Kliniken waren freundlich, aber meist leider negativ:

„Wir verfügen derzeit nur über wenige, sehr junge Fachärztinnen. Diese sind z.T. noch nicht zu einer Niederlassung bereit.“

„Wir hoffen, dass Sie doch noch irgendwie einen Nachfolger finden. Sie verkämpfen sich für die Raumschaft und die Kinder und Familien. Meinen Respekt.“

Auch die Weiterleitung an mögliche Interessenten von Seiten der Kliniken brachte keinen Erfolg.

Erst in der zweiten Runde im Frühling 2016 sollten sich Interessenten melden. Wieder schickte mein Vater fast 300 Briefe an alle Kliniken, mit der erneuten Bitte, sich nach niederlassungswilligen Jungärzten umzuhören:

„Nachdem ich bereits vor 1½ Jahren alle Kinderkliniken in Deutschland angeschrieben hatte, leider ohne Erfolg, bitte ich Sie heute nochmals um ein paar Minuten Ihrer Zeit für eine noch immer verzweifelte Bitte aus Oberschwaben.“

Zwei Interessenten meldeten sich und sahen sich Praxisräume und Umgebung an. Hoffnung kam auf, doch noch einen Nachfolger zu finden. Im ersten Fall scheiterte es schließlich kurz vor Vertragsunterzeichnung, die Kollegin landete über Umwege in einer anderen Praxis vor Ort. Im zweiten Fall waren schließlich familiäre Gründe ausschlaggebend, doch nicht nach Bad Saulgau zu kommen. Die Enttäuschung, so kurz vor dem Ziel doch wieder zu scheitern, war groß.

Mein Vater widerruf alle Kündigungen und verlängerte die Verträge mit seinen Arzthelferinnen ein weiteres Mal. Inzwischen hatte sich die Familie bereits mehrfach auf den nahenden Ruhestand eingestellt, um dann doch wieder weiterzumachen. Der Gedanke, die Patienten mit ihren Eltern im Stich zu lassen, trieb meinen Vater um und er schickte Ende Oktober 2016 noch ein drittes Mal Briefe an Kliniken in ganz Deutschland. Längst war er bereit, die Praxis einfach abzugeben. Hauptsache ein Nachfolger machte weiter.

Dr. Michael Steiner

„Der Gedanke, meine Patienten und ihre Eltern ohne Nachfolge im Regen stehen zu lassen macht mich verrückt, ich bin aber aus familiären und gesundheitlichen Gründen nicht in der Lage noch längere Zeit weiter zu praktizieren.
Die zweite Praxis vor Ort ist nicht in der Lage unsere Patienten aufzufangen und im Umkreis von ca. 30 km gibt es keine Kinderärzte, die noch Patienten aufnehmen können.“

 

Die Reaktionen der Kollegen waren verständnisvoll und viele berichteten von einer ähnlichen Situation bei ihnen vor Ort:

„Bereits in der Klinik ist es mittlerweile schwierig, Fachärzte an das Haus zu binden. Dieses veränderte Engagement und Weltbild des Berufes setzt sich leider dann mit der mangelnden Bereitschaft zur Niederlassung fort. Ich hoffe, dass Sie letztendlich mit Ihrer Suche doch noch Erfolg haben werden.“

„Was sind das nur für Zeiten? Sie finden keinen Praxisnachfolger und auch für uns Kliniken ist das (Fach-)Personalproblem gravierend. Fachärzte mit Subspezialisierung sind offensichtlich ausgestorben.“

Im Spätherbst schließlich meldete sich eine Kollegin, die bereits lange Jahre in einer Klinik gearbeitet hatte und nun nach einer Niederlassung suchte. Die Praxis wurde besichtigt, die persönliche Ebene stimmte und die Unterlagen wurden an einen Anwalt gegeben, damit alles seine Richtigkeit hatte. Dann die Absage: Die Verwurzelung im Norden war dann doch zu stark, es klappte nicht.

Es blieb dabei: Fast 900 Briefe nach ganz Deutschland führten zu drei Interessenten und letztlich drei Absagen. Auch diese Seite, ein viraler Tweet bei Twitter, die Anmeldung bei Facebook fruchteten bislang nicht. Das Problem des Ärztemangels ist längst nicht mehr abstrakt sondern vielerorts Realität.

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Die Suche: Was bisher geschah
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Ein Gedanke zu „Die Suche: Was bisher geschah

  • 17. März 2017 um 22:23
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    Lieber Herr Dr. Steiner
    Sie sind mit weitem Abstand der beste, freundlichste und vertrauensvollste Kinderarzt den ich je kennengelernt habe. Ich bin sehr froh dass unsere Kinder bei Ihnen Patient sein durften. Ich wünsche Ihnen dass Sie bald in den wohlverdienten Ruhestand gehen dürfen und diesen auch noch genießen können.(obwohl wir Sie auch gerne weiterhin noch ein paar Jahre als Arzt hätten ;-)). Ihr Nachfolger darf in große und perfekte Fußstapfen treten. Vielen Dank für jedes liebe Wort, für Ihre ruhige Art, und dafür wie toll Sie mit ihren kleinen Patienten umgehen! Für meinen älteren Sohn sind Sie sowieso ein Held. Er hatte solche Panik vorm Blutabnahmen. Sie sind so toll damit umgegangen. Er hatte dank Emla keine Schmerzen und erzählt noch heute, 3 Jahre später, jedem dass er nur bei Ihnen jederzeit wieder Blut abnehmen lassen würde 😉 Er würde Ihnen blind vertrauen. Genau so sollte es sein. Sie haben unseren größten Respekt und Bewunderung. Bleiben Sie ein Leben lang gesund! Herzliche Grüße B.B.

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